Die Sony NEX-6 als Weitwinkel-Kamera?

nex61018
Danke für das Foto an Jörg Langer.

Es mag ja für den einen oder anderen ein etwas seltsam anmutende Überlegung sein, eine Kamera mit APS-Sensor für den Weitwinkelbereich in Anbetracht zu ziehen. „Dafür nimmt man doch Vollformat„, ist die erwartete Reaktion. Nun, einmal davon abgesehen, dass alleine schon der Begriff „Vollformat“ ziemlich unsinnig ist (welches Format hat denn dann eine Leica S, „Über-Vollformat“?) und sich lediglich daraus ergibt, dass solch ein Sensor das Format eines Kleinbildnegativs mehr oder weniger vollständig abbildet – man sollte daher vielmehr vom „Kleinbild-Format“ sprechen, so ist es heutzutage dennoch sehr gut möglich, mit einer APS-Kamera Weitwinkelaufnahmen zu machen – den neu entwickelten Objektiven sei Dank!

Wikipedia zeigt den Unterschied der Sensorgrößen sehr schön:

 

Sensor sizes overlaid inside - updated

Sicher, es gibt in der Tat einen Größenunterschied zwischen APS und Kleinbild {mehr dazu auch hier}, doch wenn es rein um den Weitwinkel geht, kommt es vielmehr darauf an, ein Objektiv mit der richtigen Brennweite zu haben. Sony hat vor einiger Zeit ein ebensolches für ihre NEX-Reihe herausgebracht: das Sony SEL 4/10-18.

Mit der Brennweitenspanne von 10 bis 18mm wirkt es an einem APS-Sensor wie ein 15 – 28 mm Objektiv am Kleinbild.
10bis18
Ja, die 10mm auf APS sind „echte“ 15mm (auf KB) und das ist, wie jeder, der sich schon ein wenig mit Brennweiten und Bildwinkel auseinander gesetzt hat, richtig weit! Diagonal, d.h. von links unten nach rechts oben, deckt solch ein Objektiv einen Bildwinkel von ca. 110° ab. Horizontal, und das ist für die Fotografie eigentlich wichtiger, bleiben immer noch etwa 100°. (Mehr dazu hier…)
Was bedeutet das? Nun, öffnen Sie einmal Ihre Arme im rechten Winkel nach vorne, sozusagen in V-Stellung und dann öffnen Sie noch ein kleines Stückchen weiter. Ihre Hände zeigen nun in etwa auf die Ränder des Bildes, das mit einem 15mm-Objektiv am Kleinbild, oder eben mit einem 10mm an APS aufgenommen wird. Nicht schlecht, oder?

Noch einmal kurz zur Verdeutlichung:

So sieht das Didaktik-Büro vom Eingang aus in etwa mit einem 35mm-Objektiv aus.
So sieht das Didaktik-Büro – vom Eingang aus – in etwa mit einem 35mm-Objektiv aus…
Und so mit den "kleinbildäquivalenten" 15mm!
… und so mit den „kleinbildäquivalenten“ 15mm!

Fotos mit einem 100° Bildwinkel zu machen ist dabei keineswegs leicht! Man muss sich schon sehr gut überlegen, wie man das Bild aufbaut. Meist kommt viel zu viel auf’s Foto. Zudem hilft ein Objekt im direkten Vordergrund der Bildwirkung sehr. Die an sich schon, auch bei relativ offenen Blenden, sehr große Schärfentiefe macht es möglich, alles im Bild scharf darzustellen. Da dies hier aber keine Foto-Schule ist, möchte ich an dieser Stelle auf drei Webseiten verlinken und dann zurück zum Eigentlichen kommen:

und vor allem:

Gut, kommen wir also zurück auf das eigentlich Thema dieses Artikels: die Sony NEX-6 als Weitwinkelkamera!

Die PR-Agentur, mit der Sony Deutschland kooperiert, war so nett, mir ein Set aus NEX-6 und SEL 4/10-18 zur Verfügung zu stellen. An dieser Stelle ein herzliches „Dankeschön“ an das Team von Häberlein & Mauerer sowie an AVC Audio-Video-Communication Service GmbH!

Mit der Sony NEX-7 habe ich ja auch beinahe zwei Jahre lang (und als einer der ersten in Deutschland) fotografiert. Für die VIDOM (die Vereinszeitschrift von Leica Historica e.V.) habe ich einen Artikel geschrieben, wie sich die NEX-7 als Alternativkamera für eine Leica M9 eignet. Damals hat mir allerdings ein Weitwinkel-Zoom ein wenig gefehlt. Meine Lösung – und zwar eine überraschend gute! – war es den WW-Konverter am Sony SEL 2.8/16 zu nutzen.

Nun war es also eine NEX-6, die mir aufgrund der Bedienrädchen ohnehin besser gefällt – immerhin sind wir hier bei Retrokamera.de – und deren (etwas niedriger auflösender Sensor) auch im Ruf steht, besser mit adaptierten Leica-M-Objektiven zurecht zu kommen. Darauf war ich ebenfalls gespannt. Der zweite Teil dieses Tests wird sich demnach damit befassen.

Die Sony NEX-6 ist eine sehr gut verarbeitete Kamera in kompakter Bauform und mit der Möglichkeit zum Objektivwechsel. Im Internet-Neudeutsch werden solche Kameras meist als „spiegellose Systemkameras“, „EVIL“, „CSC“ etc. bezeichnet. Sie vereinen Kompaktheit mit sehr guter Abbildungsqualität, die man sonst nur von digitalen Spiegelreflexkameras kennt. Sony war einer der Vorreiter und hat es sogar geschafft, einen APS-Sensor in ein extrem kleines Gehäuse zu bauen. Meine „erste“ NEX war die NEX-3, die mich damals schon völlig begeistern konnte. Doch da auch die Entwicklung in diesem Bereich nicht stehen bleibt, sind die neueren Modelle nochmals leistungsfähiger. Die NEX-6 lässt inzwischen kaum noch Wünsche offen. Die kompletten technischen Daten kann man auf der Website von Sony nachlesen. Für mich als Fotograf sind vor allem folgende Bereich wichtig:

  • Wie liegt die Kamera in der Hand? Wie lässt sie sich bedienen?
  • Wie sieht die Abbildungsleistung, vor allem auch bei hohen ISO-Einstellungen aus?
  • Wie vielseitig ist die Kamera?
  • Und speziell für diesen Artikel: Taugt sie auch als Kamera für den extremen Weitwinkelbereich?

Es mag sehr gut sein, dass andere Fotografen Wert auf andere Aspekte legen, doch die Video-Funktion ist für mich nur eine nette Beigabe und ob eine Kamera nun 3, 5 oder 10 Bilder pro Sekunde aufzunehmen vermag, ist für mich nur äußerst selten von Bedeutung. Nun denn…

1. Wie liegt die Kamera in der Hand? Wie lässt sie sich bedienen?

Die NEX-6 fühlt sich sehr gut an. Sie ist recht leicht, was natürlich an dem kleinen Gehäuse liegt, vermittelt aber stets den Eindruck ausreichender Solidität. Das Klappdisplay und der EVF sind exzellent. Die Formgebung verleiht der Kamera ein attraktives Äußeres und gleichzeitig dem Benutzer das Gefühl eines sicheren Greifens. Natürlich gleicht die NEX-6 haptisch nicht einer Leica M oder einer DLSR aus dem Profi-Segment, doch diesen Anspruch sollte man auch nicht an sie stellen.

Das Menü ist Sony-typisch verspielt und erinnert bisweilen an ein Labyrinth, in dem man erst eine Weile nach der benötigten Einstellung suchen muss. Nicht immer sind die einzelnen Punkte logisch in Gruppen zusammen gefasst. Da sollte Sony noch einmal ran. Richtig gut hingegen gefällt mir das Modus-Rad und das darunter liegende Rändelrädchen, mit dem man intuitiv z.B. im A-Modus die Blende verstellt. Das ist für mich sympathischer als die Tri-Navi-Lösung der NEX-7.

Und wo Sony ganz weit vorne liegt ist das „Focus Peaking“. Keine andere Firma, weder Fuji, noch Olympus, noch Leica bieten eine derart gute Kantenanhebung, die manuelles Fokussieren sicher und schnell ermöglicht. Großartig!

2. Wie sieht die Abbildungsleistung, vor allem auch bei hohen ISO-Einstellungen aus?

Mit einem Wort: ausgezeichnet! Obwohl man in der 100%-Ansicht einige artefaktartigen Bildeffekte erkennen kann, ist der visuelle Eindruck der Fotos sehr, sehr gut. Bei den heutigen Auflösungen ist das Anschauen bei 100% ohnehin reines Pixel-Peeping und somit für mich kein wirkliches Beurteilungskriterium. Wenn mir ein Bild in der 50%-Ansicht gefällt, hat es seinen Zweck erfüllt. In der NEX-6 zeichnet es sich aus, dass Sony sich – zumindest ein wenig – dem Megapixel-Rennen (das sie mit der NEX-7 noch mitgegangen ist) entzogen hat. Meiner Meinung nach ist alles, was über 12 Megapixel liegt, eine Folge des Hypes um mehr „Auflösung“ oder lediglich die erweiterte Möglichkeit zur Ausschnittsvergrößerung. Die 16 MP der NEX-6 sind für Fotografen wie mich absolut ausreichend.

Positiver Nebeneffekt dieser vernünftigen „Beschränkung“ ist eine beachtenswerte Leistung bei hohen ISO-Einstellungen. Ich bin ja noch mit analogem (oder besser „chemischem“) Film aufgewachsen und alles, was da über ISO 800 hinaus ging, war völlig verrauscht. Damals hat man das mit „Charakter“ im Bild schön geredet. Bei S/W-Aufnahmen konnte ich da noch zustimmen, doch sichtbare Farbflocken haben mir schon immer die Freude am Bild nehmen können. Als Dia-Fotograf hat man sich ohnehin mit ISO 100 oder max. ISO 200 arrangiert. Die Sony NEX-6 bietet absolut nutzbare Ergebnisse bis zu ISO 3200 und selbst darüber hinaus kann man aus den Bildern noch etwas machen. Im Vergleich zur NEX-7 ist die NEX-6 aus meiner subjektiven Sicht in etwa eine Blende besser. Wobei sich durch das Kleinerrechnen der NEX-7-Bilder dies wieder etwas relativiert. Wie auch immer, die NEX-6 ist in der Tat eine Kamera, die für „available light“ absolut tauglich ist!

An dieser Stelle möchte ich eine kleine Bildreihe zeigen, die unter nicht gerade optimalen Lichtbedingungen vom Stativ aus aufgenommen wurde…

Das „Motiv“ (wenn es denn als solches zu bezeichnen ist ;)) sieht im Ganzen so aus:

isouber

Bei ISO 200 sieht man keinerlei störendes Rauschen: (Ein Klick auf’s Bild öffnet jeweils die 100% Ansicht.)

iso200

ISO 800, auch noch kein störendes Rauschen:

iso800

ISO 3200, Rauschen wird sichtbar, stört aber nur in der 100% Ansicht:

iso3200

ISO 6400, selbst diese Einstellung ist noch nutzbar:

iso6400

ISO 12800, nun wir Rauschen auch in kleineren Darstellung sichtbar. Doch wenn wir berücksichtigen, in welchem Bereich wir uns bewegen, ist es erstaunlich gering:

iso12800

Die höchste ISO-Einstellung liegt bei  ISO 25600. Noch vor zwei, drei Jahren hätte das niemand geglaubt:

iso25600

Und abschließend ein verkleinertes (Gesamt-)Bild mit ISO 12800, das zeigt, dass man für kleinere Darstellungen sogar bei derart hohen ISO-Einstellungen fotografieren kann:

isogr12800

3. Wie vielseitig ist die Kamera?

Die Sony NEX-6 ist eine überaus vielseitige Kamera. Ihr kurzes Auflagemaß und der „fehlende“ Spiegel bietet fantastische Möglichkeiten, ältere, manuelle Objektive zu adaptieren. Seitdem die NEX-Reihe und die entsprechenden Adapter auf dem Markt sind, haben die Preise für gebrauchte, manuelle Objektive stark angezogen. Baureihen von Minolta, Konica oder Canon, die man nur schwer an eine APS-DSLR adaptieren konnte, „klicken“ an eine NEX so leicht wie früher an die Originalkameras. Zudem funktioniert die Belichtungsmessung mit den alten Objektiven hervorragend und das bereits oben gelobte „Focus Peaking“ ermöglicht ein zügiges und treffsicheres Scharfstellen, sogar mit Weitwinkel-Objektiven (auf der Mattscheibe einer DSLR werden mit Weitwinkelobjektiven die scharf zu stellenden Subjekte sehr klein dargestellt, was das korrekte manuelle Fokussieren bei Offenblende erschwert.) Die Bildschirmlupe der Sony unterstützt das „Peaking“ wirkungsvoll.

Im Gegensatz zur NEX-7 bietet die NEX-6 WLAN. Das funktionierte bei mir sehr gut. Ob ich aber dieses Feature häufig nutzen würde, wage ich zu bezweifeln. Denn so verlockend es auch sein mag, z.B. „Apps“ nachträglich zu installieren, in einer Kamera brauche ich so etwas nicht. Zumal die meisten Apps zusätzlich Geld kosten:

nex6app

4. Taugt sie auch als Kamera für den extremen Weitwinkelbereich?

In Verbindung mit dem Sony SEL 4/10-18 absolut! Dieses Objektiv hat mich an der NEX-6 voll und ganz überzeugt. Um es vorweg zu nehmen: Jeder ambitionierte NEX-Fotograf sollte den Kauf des 10-18 ernsthaft in Erwägung ziehen.

Es ist sehr gut verarbeitet, wirkt solide und vermittelt dem Fotografen stets das sichere Gefühl von Zuverlässigkeit. Der AF ist an der NEX-6 schnell und exakt. Und die für Weitwinkel-Zooms typischen Verzeichnungen werden (zumindest im JPG-Modus) noch in der Kamera weitgehend herausgerechnet. Wer da lieber selbst korrigieren möchte, der hat durch das RAW-Format alle Fäden in der eigenen Hand. Mit dem 10-18 an der NEX-6 sind auch die bei kompakten Systemkameras so gefürchteten „lila Ecken“, die beim Fotografieren mit starken Weitwinkelobjektiven (wie zum Beispiel mit dem 15er Voigtländer an der NEX-7) kein Problem. Sie treten kaum auf, bzw. werden weitgehend eliminiert. Man erhält Fotos, die bis in die Ecken scharf und detailliert sind. Das ist bei solch einer kurzen Brennweite mehr als beachtenswert.

Ein paar Fotos aus Frankfurt zeigen, wie sehr dieses Set zum Spielen mit Linien einlädt:

nex6ffm1

nex6ffm2

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nex6ffm4

Auch neulich bei einem Spaziergang durch eine Kosterruine hat sich die NEX-6 mit dem 4/10-18 als Weitwinkellösung bewährt:

nex6kloster3

Auch innen lassen sich damit eindrucksvolle Perspektiven erschließen:

nex6cand

Ja sogar Portraits damit können eine erfrischende Wirkung entfalten (man sollte nur aufpassen, den Kopf des Portraitierten nicht in die Ecke zu setzen ;)):

nex6con

Daher kann ich dieses Set jedem, der eine kompakte Lösung für den extremen Weitwinkelbereich sucht (und hier geht es nicht um Sport- oder Makrofotografen), uneingeschränkt empfehlen!

Einen ausführlichen Test der NEX-6 finden Sie hier und einen allgemeineren Test des 4/10-18 hier.

2 Gedanken zu “Die Sony NEX-6 als Weitwinkel-Kamera?

  1. Bruno

    Hallo Carsten,
    danke für den Test und die interessanten Einblicke.
    Ich nutze das 10-10 SEL mit großer Begeisterung an der Nex 6 und demnächst sicher an der „alpha 6000“.Was mir im Sony „Nex/Alpha“System fehlt ist ein lichtstarkes“24er“.Das Sony 16er hatte ich, es war nicht schlecht, aber auch nicht richtig gut.
    Ich suche immer noch etwas“Solides“mit Lichtstärke <2,8 und 16-17mm auf crop gerechnet.
    Bisher war alles in dem Bereich schwierig. An meiner M8.2 habe ich das 15er Voigtländer, aber das ist an der Nex schlechter als das 1018SEl.

    Hättest du eine Idee? Gibt es da etwas, was ich bisher nicht im Auge hatte(ausser Leica M WATE)

    Gruß
    bruno

  2. Hallo, Bruno.
    Das ist echt schwierig. Es gibt kaum 16mm-Objektive und wenn, dann sind es Fisheyes. Wenn es auch 14mm (also = 21mm) sein können, dann wäre evtl. das Samyang 2.8/14 eine Idee. Ist zwar recht groß aber an der NEX-6 viel besser als das 15er Heliar. Schau mal auf meine WW-Test an der Sony A7 (auch hier im Blog). Das 14er Samyang macht sogar am Kleinbildsensor eine gite Figur.
    Ansonsten gibt es ein 3.5/17 von Tokina/Vivitar oder von Tamron.
    Haben aber alle keinen AF.

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