DIY-Objektive

Der erfahrene Heimbastler weiß, dass „DIY“ eine Abkürzung für „do-it-yourself“ ist. Kürzlich erreichte mich eine Mail mit der Bitte, doch einmal über die Selbstbau-Objektive zu schreiben, mit denen ich ja auch fotografieren würde.

OK, mache ich gerne. Lieber als Klausuren zu korrigieren. 😉

Allerdings muss ich zwei Dinge vorweg gestehen:

  1. Ich fotografiere gar nicht so häufig damit, sogar ziemlich selten und
  2. eigentlich baue ich ja nicht die Objektive selbst, sondern suche nach Lösungen, Projektions- oder Vergrößerungsobjektive an einer Kamera nutzen zu können.

Gut, sei’s drum. Hier nun eine kurze Einführung in die Bastelecke von RetroCamera.de…

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Dieses Foto zeigt drei Projektionsobjektive, die auf unterschiedliche Art und Weise „kameratauglich“ gemacht wurden: ein Meopta Meostigmat 1.4/70, ein Meopta Meostigmat 1.0/50 und ein ISCO Kiptar 2.0/100.

Deutlich wird vor allem die ziemlich hohe Lichtstärke, die einige dieser Objektive mitbringen. Gerade das macht es so spannend, sie zu adaptieren. Denn wenn man sich einmal überlegt, was ein „richtiges“ 2.0/100, ein 1.4/70 oder gar ein 1.0/50 kostet…

Man darf allerdings weder die Abbildungsleistung  noch die Vielseitigkeit eines „normalen“ Fotoobjektivs von solchen Bastellösungen erwarten, denn zum einen sind sie für die Projektion optimiert und zum anderen haben sie keine Blende, man fotografiert also ständig bei Offenblende (es sei denn, man überlegt sich auch dafür eine Lösung. Fast nichts ist unmöglich). 😉

Beispiel 1: Der Helicoid-Adapter

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ISCO Kiptar 2/100

Dieses Kino-Projektionsobjektiv hat (dummerweise) ein Anschlussgewinde mit einem Durchmesser von 61 mm. Diese unübliche Größe erschwert das Adaptieren ein wenig und so musste ich mir mit Klebstoff helfen. Ich habe also einen Umkehradapter 58mm-EOS (wie er an sich für Makroaufnahmen Verwendung finder) hinten an das Objektiv geklebt. Dabei muss man darauf achten, dass dies plan geschieht, sonst hat man seltsame Schärfeverläufe im späteren Bild. 😉
Dadurch erhielt das Objektiv sozusagen ein EOS-Bajonett. Damit konnte ich dann weiterarbeiten. Denn bisher konnte man mit dem Konstrukt noch nicht fokussieren. Da ich das Objektiv an meinen Fujis nutzen wollte, hatte ich durch das kurze Auflagemaß ausreichend Spielraum, um einen EOS-Fuji-Adapter mit eingebautem Schneckengang zu verwenden, über den ich nun das 100er fokussieren kann. Das wäre auch z.B. für Sony Systemkameras möglich gewesen.

Das 100er Kiptar bietet natürlich eine faszinierend knappe Schärfentiefe, die Bilder sind aber zunächst sehr kontrastarm:

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In digitalen Zeiten spielt das aber kaum mehr eine große Rolle. Nach zwei Klicks in Photoshop sieht das Foto dann so aus:

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Das lässt sich doch sehen, oder? Mehr zum ISCO finden Sie im Nachtrag dieses Blog-Artikels >> KLICK <<.

Beispiel 2: Die „Samt-Fokusschnecke“

Es hat Vorteile, wenn man einen Fotofreund hat, der ein beinahe schon genialer Bastler ist, denn dann kann man Objektive nutzen, die man alleine gar nicht oder nur mit großer Mühe hätte adaptieren können – und gerade um diese Linsen wäre es echt schade gewesen.

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Die Meopta Meostigmate 1.0/50 und 1.4/70.

Diese tschechischen Projektionslinsen genießen in „Kennerkreisen“ einen überaus guten Ruf. Absolut zu recht, denn sie sind nicht nur extrem lichtstark, sondern bieten auch eine überraschend hohe (70er) bzw. eine ganz besonders charakteristische (50er) Abbildungsleistung. Dazu muss man sagen, dass das 1.0/50 nur an APS halbwegs sinnvoll nutzbar ist, da der Bildkreis das Kleinbild nicht ausfüllt. Selbst an APS-Sensoren wird es zum Rand hin schon enorm „weich:

Es ist mehr oder weniger eine „Effekt-Linse“, die man aber durchaus sinnvoll nutzen kann. >> Hier << hatte ich bereits darüber geschrieben.

Das Meostigmat 1.4/70 hingegen lässt sich auch am Kleinbild nutzen, daher ist es so gekürzt, dass es auch an meiner Nikon-DSLR verwendet werden kann. Gerade am „Vollformat“ wird der Charakter der Linse deutlich, der sehr den heute sehr teuren alten (ost)deutschen Portrait-Objektiven Typ Primoplan 1.9/75 ähnelt. Ein APS-Sensor kappt einen Teil dieses Charakters.
Das 70er Meopta bietet bereits „out of cam“ eine mehr als ordentliche Leistung:

Wie funktioniert nun das Adaptieren? Henry Feddersen, Besitzer des Digicamclubs und überregional bekannter Objektiv-Bastler, hat eine geniale Idee dafür entwickelt. Ein Tubus mit Innengewinde, der am hinteren Ende ein 52mm-Gewinde hat, um dort mit unterschiedliche Umkehradaptern an so ziemlich jedes System angepasst zu werden, nimmt die Fassung des Objektivs auf, um die am unteren Ende ein Samtstreifen geklebt wurde. Dieses Samt passt sich nach mehrmaligem Eindrehen perfekt an das Innengewinde des Tubus an und funktioniert dann wie eine gut laufender Schneckengang. Fertig ist die Fokusvorrichtung. Genial einfach – einfach genial.
Wer daran Interesse hat, kann >> hier << näheres nachlesen und sich über den Digicamclub an Henry wenden.

Helge, ein talentierter Fotograf aus dem DCC, hat >> hier << mehr über das Meostigmat 1.4/70 geschieben. Im DCC findet man übrigens zu ziemlich allen Meoptas etwas. Darüber hinaus hat Henry ebenfalls das VNEX-System erfunden, mit dem Vergößerungsobjektive an Systemkameras adpatieren kann. Diese haben den Vorteil, mit einer Blende ausgestattet zu sein.

Beispiel 3: Der Spender-Tubus

Eine weitere Möglichkeit, einen Schneckengang (den man ja zum Fokussieren braucht) zu erhalten ist es, ein altes manuelles Objektiv „auszuschlachten“. Man entfernt dabei das Linsensystem (und eventuell auch die Blende, je nachdem, ob das nötig ist) und behält lediglich die Fassung mit dem Helicoid, in die man dann ein Projektionsobjektiv einpasst. Das funktioniert recht gut, sofern man passende Durchmesser findet.

Ein ISCO Projar 2.8/85 (ursprünglich für einen Dia-Projektor gedacht) in einem Gehäuse eines alten 50 mm Minolta-Objektivs. Dies ist wohl die kostengünstigste Lösung und meist der Startpunkt für die Spielerei.

Die preisgünstigen Dia-Linsen sind nicht ganz so lichtstark und benötigen auch ein wenig Nachbearbeitung. Zum ersten Ausprobieren und Basteleinstieg sind sie aber sehr gut geeignet.

Auf diese Weise lassen sich auch Objektive von alten Mittelformatkameras adaptieren. In meinem zur zeit stillgelegten Blog „A Lens a Week“ habe ich darüber schon einmal berichtet.

Beispiel 4: Der Balgen

Eine weitere Art, vor allem Objektive mit längerer Brennweite aber kurzer Baulänge zu adaptieren ist ein klassischer Balgen, wie er eigentlich für Nahaufnahmen genutzt wird. Damit lässt sich dann ebenfalls fokussieren. Wichtig ist auch hier, alles so einzubauen, dass nicht nur Nahaufnahmen möglich sein. Auch diese Art der Adaptierung habe ich in meinem alten Blog anhand eines Goerz Anastigmates gezeigt.

Das waren nun vier von vielen Möglichkeiten, sich an ein DIY-Objektiv zu machen. Versuchen Sie es einmal. Es macht Spaß und fotografieren kann man damit auch. 😉

 

3 Gedanken zu “DIY-Objektive

  1. Sehr coole Sachen!
    Leider bin ich handwerklich dermaßen begabt, dass mein Lehrer schon vor 30 Jahren zu mir sagte, ich solle später besser mit meinem Kopf als mit meinen Händen mein Geld verdienen…

  2. Pingback: Ein Petzval-Objektiv… – RetroCamera.de

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