Der Zauber des Imperfekten…

… die Ästhetik des Fehlers.

Ich erwische mich immer öfter dabei, ein Bild, das auf der Suche nach Perfektion gemacht wurde, eher langweilig zu finden. Fotos, die strikt (und man mag sagen unflexibel) den altbekannten „Regeln“ folgen, wirken zwar harmonisch aber oft auch zu glatt gebügelt. Sie haben selten Kanten, an denen ich mich stoßen kann, die mich aber länger in der Betrachtung verweilen lassen.
Das soll nicht heißen, dass ich Fotos, die von Kompositionsfehlern nur so strotzen bevorzuge oder dass jedes Bild bei mir unscharf sein muss. Absolut nicht! Doch wenn ein Foto sehr ausdrucksstark ist, stört mich eine leichte Unschärfe nicht.

Hier ist das Verwischen ein maßgeblicher Bestandteil der Bildwirkung.
Hier ist das Verwischen ein maßgeblicher Bestandteil der Bildwirkung.

Ebenso wenig muss ein Gesicht auf einem Portrait immer im Goldenen Schnitt liegen, nein, es kann auch zentral passen.

Aufgrund der besonderen Dynamik des Ausdrucks hier war es für mich geradezu unabdingbar, das Gesicht zentral zu positionieren.
Aufgrund der besonderen Dynamik des Ausdrucks hier war es für mich geradezu unabdingbar, das Gesicht zentral zu positionieren.

Gleiches gilt natürlich nicht nur für Portraits:

Das Riesenrad ist ja total mittig. Ja, und? Warum denn auch nicht?
Das Riesenrad ist ja total mittig. Ja, und? Warum denn auch nicht?

Muss denn das eigentlich zu erwartenden Hauptsujet immer scharf angebildet sein? Nein, keineswegs, denn nicht die Personen sind der Kernpunkt dieses Bildes sondern die Bank.

1885-chillymarburg06

Und eine korrekte Belichtung des Sujets kann durch eine hochkontrastiges Spiel von Licht und Schatten ersetzt werden:

Die Personen sind eigentlich zu dunkel, aber mit war hier das Gegenlicht und der Schattenwurf viel wichtiger.
Die Personen sind eigentlich zu dunkel, aber mir war hier das Gegenlicht und der Schattenwurf viel wichtiger.

Manchmal ist gerade der Aspekt eines Fotos, den andere bemängeln würden, für mich der interessanteste.
Nichts für Ungut, aber der 10.000ste perfekt nach den Regeln belichtete und komponierte Sonnenuntergang ruft bei mir nur ein gelangweiltes Gähnen hervor und das 50.000 Blümchen aus dem eigenen Garten – sei es auch noch so hübsch – lässt mich ganz schnell weiterblättern, -scrollen oder -klicken.

Lobsien, Olk und Münchberg schreiben in ihrer Abhandlung „Vollkommenheit: ästhetische Perfektion in Antike, Mittelalter und früher Neuzeit“ (2010): „[Es] ist der formale Imperativ nicht die Annäherung an Perfektion, sondern das Prinzip der varietas, die Mischung von […] Durchgeistigtem und Grobem, von niederem und hohem Stil […] Es entspricht dieser Option für die Imperfektion des Irdischen […]“ (S. 115)*

Ein kleiner Teil, der rauh, grob oder regelbrechend daherkommt und sich ins Bild einschleicht, weckt Interesse und Aufmerksamkeit beim Betrachter. Auf Fotos kann das auch eine Vignettierung sein oder ein Filmkorn. Beides ist in der Lage den Eindruck von Authentizität zu erhöhen. Ich entwickle meine S/W-Filme eigentlich nie in Richtung FineArt, sondern immer kontraststark und mit deutlichem Korn (also etwas länger und in etwas wärmeren Entwickler als gemeinhin empfohlen).

Dieses Foto (es ist nur ein starker Ausschnitt) meiner Frau finde ich großartig, obwohl es in diesem Crop objektiv für ein Portrait ein zu starkes Korn zeigt. Ihr zauberhaftes Lächeln wird davon aber nicht beeinträchtigt.

Niki

Das Korn erzählt vielmehr für mich von der Situation, in der ich das Foto gemacht habe – ein völlig spontaner „Schappschuss“ in unserem Esszimmer, im Halbdunkeln durch die Rollos von der hell scheinenden Sonne draußen abgeschattet. Die Kinder spielten im Garten und wir scherzten und alberten herum, als ich sie lachen sah und schnell die Kamera nach oben riss, um das Foto zu machen.

Wie hier im Blog bereits beschrieben, bin ich Amateur im eigentlichen Sinne. Ich fotografiere, weil es mir unglaublich viel Spaß macht. Ich muss keine Fotos machen, die meinem Auftraggeber zusagen, sondern kann die machen, die mir gefallen. Da sehe ich mich in einer überaus luxuriösen Lage. Doch auch Profis, die selbstbewusst genug sind, hier und da die Dinge so durchzuziehen, wie sie es möchten, begeben sich gelegentlich genau dort hin: so wie Paul Ripke bei der WM – für mich eines der besten Fotobücher der letzten Jahre. Man sieht den Bildern an, dass Ripke diese Momente ebenso magisch fand wie wohl alle deutschen Fußballfans und sein Tun dort einfach nur genossen hat! **

Sicherlich wagt man sich, wenn man solch einen Weg, den Pfad des „es-muss-mir-gefallen“ geht, in unsicheres Terrain. Man setzt sich offener der Kritik anderer aus als man es tut, wenn man sich an „die Regeln“ hält. Doch schon Umberto Eco, den ich sehr verehre, schreibt in seinem Buch „Die Geschichte der Schönheit“ (2004):

„Das, was schön ist, wird durch die Art und Weise definiert, in der wir es erfahren, und man analysiert das Bewußtsein [sic!] desjenigen, der ein Geschmacksurteil äußert. Die Diskussion über das Schöne verschiebt sich von der Suche nach Regeln zu seiner Hervorbringung […] zur Betrachtung der Wirkungen, die es hervorruft […]“ (S. 275)

Seit dem 18. Jahrhundert gilt, gemäß Eco, dass die „Rechte des Subjekts die Erfahrung des Schönen völlig zu definieren beginnen“ (ebd.). So sehe ich das auch für meine Fotografie.

Regeln sind eine nützliche Sache, wenn man anfängt, sich mit gestalterischen Elementen zu befassen. Es sollte aber der Zeitpunkt kommen, an dem man – die Regeln kennend – sich bewusst von ihnen entfernt, um durch eine kleine Imperfektion dem „Auge was zu kucken“ zu geben (wie es Freund von mir neulich so treffend formulierte).
Nicht ohne Grund finden viele Fotografen gelegentlich den Weg zurück zum analogen Bild, nicht ohne Grund lebt die Lomographie wieder auf, nicht ohne Grund sind Retro-Apps bei Handy-Fotos so beliebt. An der Goethe-Uni Frankfurt läuft dazu derzeit sogar ein Dissertations-Projekt: „Zur Ästhetik des Imperfekten. Analoge Artefakte, digitale Simulakren und  die Re/Auratisierung des Virtuellen„.

„So denn“, mag man ausrufen: „macht euch ans Werk!“
Zücken Sie die Kameras, ganz gleich ob analog oder digital und zeichnen Sie die Wirklichkeit auf so wie Sie sie sehen und nicht, wie andere es Ihnen sagen. Dabei wünsche ich viel Mut und ganz viel Spaß!

__________________________

* Lobsien,Olk und Münchberg beziehen das zwar auf die Werke von Baccaccio und Dante, mir scheint das aber auch für die Ästhetik der Bildsprache treffend.

** Auch Ben Bernschneider zieht „sein Ding“ durch.

P.S.: Beim „Weltenschummler“ habe ich einen sehr netten Artikel gefunden, der sich auch mit diesem Thema beschäftigt.

5 Gedanken zu “Der Zauber des Imperfekten…

  1. Das erste Bild ganz oben im Beitrag ist sehr sehr „mega mega mega“ wie Paul Ripke da sagen würde…

    danke für diesen Bilderbeitrag.

  2. Pingback: 5 Fragen, die sich ein Fotograf… | RetroCamera.de

  3. Lothar Rausch

    Vielen Dank für diese Aufnahmen – man bekommt immer mehr Blickhunger. Ich las kürzlich: das Perfekte hat nur einen Wert, nämlich zerstört zu werden. Danke für so viel Charme und Wirklichkeit.

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