6×9 in der Selbstentwicklung … eine Premiere!

Vor einigen Jahren schenkte ich meinen Vater eine Voigtländer Bessa, Baujahr 1936, seinem Geburtsjahr. Leider konnten wir sie nie mehr gemeinsam ausprobieren, denn kurz danach ging es meinem Vater zunehmend schlechter. Etwa ein Jahr nachdem er verstorben war, nahm ich diese Kamera mit zu einen Kurzbesuch bei meinen Schwiegereltern im Norden. Das war im Januar 2015 und wir waren für einen Tag in Eckernförde.

Ich wollte unbedingt Fotos damit machen und das mit meinen Kindern nachholen, was ich mit meinem Vater leider versäumt hatte.

VoigtlanderBessa

Die 1935er Bessa belichtet mit einem 75mm-Voigtar-Anastigmat-Objektiv mit maximaler Öffnung von f/7.7 auf 6x9cm (genau 56 x 89 mm). Auf einen 120er Film bekommt man im günstigsten Fall 8 Aufnahmen. Ihr Verschluss bietet die Zeiten 1/25, 1/50, 1/100, „B“ und „T“ (beides Langzeitsteuerungen). 75mm Brennweite sind für das 6×9-Format ein Weitwinkel, am Kleinbild etwa vergleichbar mit einer Brennweite zwischen 28 und 35mm. (Das Anastigmat bildet etwa einen Winkel von 70° ab.)

Es taugt also weniger für eine Portrait-Sitzung mit Kopf in Großaufnahme, sondern ist eher ein Landschaftsobjektiv – was nicht heißen soll, dass man damit keine Protraits aufnehmen kann, man muss sie eben so gestalten, wie man eine Person mit einem 35mm-Objektiv am Kleinbild fotografieren würde, meist also mit Einbeziehung der unmittelbaren Umgebung.

Die Entfernungseinstellung richtet sich übrigens nicht nur nach Meterzahlen und „unendlich“, sondern auch nach Zonen wie „Portrait“, „Gruppe“ oder „Landschaft“.

Natürlich hatte ich danach mal wieder keine Zeit, die Negative zu entwickeln. Bis heute. Nachdem ich von heute Morgen bis heute Nachmittag 14 (!) Klassenarbeiten (Jahrgang 10) korrigiert hatte – die typische Beschäftigung eines Lehrers in den „Osterferien“ – musste ich mir etwas gönnen. Also machte ich mich ans Werk.

Sie können mir glauben, es war aufregend, zu sehen, ob die Kamera, die ich meinem Vater geschenkt hatte, auch noch funktioniert. Und ebenso aufregend war es, bloß nichts bei der Negativentwicklung falsch zu machen, denn ich wollte die Fotos ja nicht unwiderruflich zerstören.

Als Film hatte ich damals einen Kodak TMAX 400 geladen (der sogar schon ein wenig überlagert war, allerdings im Kühlschrank) und als Entwickler nutzte ich den Kodak D-76. Geholfen hat mir eine kleine App, die ich sehr empfehlen kann! der Massive Dev Chart Timer.

VoigtlanderBessa2VoigtlanderBessa1

Was soll ich sagen? Es ging gut! Nach der Wässerung konnte ich die Fotos auf dem Filmstreifen zum ersten Mal sehen. Meine Kinder, die im Gästebad dabei standen, fanden diesen Moment auch toll. Negative im Format 6×9 sind groß, sehr groß! Sicher, jemand, der bereits im Großformat fotografiert hat, mag das belächeln, doch im Vergleich zum Kleinbild bietet sich beinahe die 5,8fache Bildfläche!

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Ich habe hier einmal eines der 6×9-Negative neben ein Kleinbild-Negativ auf einen Diabetrachter gelegt. Das zeigt den eindrucksvollen Unterschied.

Ein Nachteil ist, dass man dafür einen Scanner benötigt, der auch Mittelformat-6×9 scannen kann. Den habe ich (noch) nicht. Also musste ich mir einen anderen, unkonventionellen Weg suchen, die Negative zu digitalisieren.

Ich habe sie kurzerhand einfach vom Braun Diabetrachter durchleuchten lassen und abfotografiert. Eine qualitativ denkbar schlechte Art und Weise, ein Negativ in den PC zu bringen, doch es musste schnell gehen und sollte zeigen, ob es überhaupt etwas geworden ist.

So sieht ein Bild dann in Photoshop umgekehrt aus:

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Je nach Display, das Sie verwenden, ist dies etwas die doppelte Größe des Originalnegativs.

Und die Bilder aus dem Norden? Bitte sehr…

6x9a
Die Marina von Eckernförde.
6x9b
Strand von Eckernförde, Blick in Richtung Hafen.
6x9c
Meine Kinder im Januar am Eckernförder Strand.

Mit dem kleinen klappbaren „Brilliant“-Sucher ist die Komposition nicht immer leicht, vor allem im Hochformat:

Der Leuchtturm sollte eigentlich komplett auf's Bild.
Der Leuchtturm sollte eigentlich komplett auf’s Bild.

Und Personen lassen sich in der Tat fotografieren (auch wenn die Belichtung hier sehr schwierig zu bestimmen war, und das Bild dementsprechend flau wurde):

Meine Familie mit leckeren Fischbrötchen auf einem Hafenfest in Eckernförde.
Meine Familie mit leckeren Fischbrötchen auf einem Hafenfest in Eckernförde.

Dafür, dass diese Fotos mit einer beinahe 80 Jahre alten Kamera ohne Belichtungsmesser und mit sehr eingeschränkten Belichtungszeiten (siehe oben) auf abgelaufenem ISO400-Film entstanden sind, bin ich wirklich zufrieden.

Jetzt weiß ich, dass ich auch Rollfilme selbst entwickeln kann. Ich bin bereit für den nächsten Schritt…

5 Gedanken zu “6×9 in der Selbstentwicklung … eine Premiere!

  1. Thomas

    Hi, Schöne Seite! Übrigens, als Belichtungsmesser kann doch jede (Digi-)cam dienen, die die benötigten Werte anzeigt. : )

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