„Mensch, warum fotografierst du eigentlich noch auf Film?“

Das werde ich in der Tat hin und wieder gefragt. „Ich fotografiere ja gar nicht sooo viel auf Film„*, könnte meine mögliche Antwort sein, oder auch: „Warum fragst du?“ Viele andere Antworten wären denkbar. Am besten gefällt mir aber diese: „Weil es echt verflucht viel Spaß macht!

Echt? Aber ist das nicht alles so super langsam?„, ist dann meist die Reaktion. Ich bin dann immer versucht, einmal auszurechnen, um wieviel langsamer die Fotografie auf Film denn wirklich ist. Doch meist entgegne ich dann eher: „Ja und? Wer hetzt mich denn?„.

Ich bin Amateur. Diesem Wort schwingt eine Bedeutung mit, die es eigentlich gar nicht mitbringt. „Amateur“ wird manchmal mit „Stümper“ gleichgesetzt: wenn jemand ein „Amateur“ ist, dann kann er etwas nicht richtig – im Gegensatz zu einem Experten. Das ist aber gar nicht die eigentliche Bedeutung des Begriffes. Korrekt in diesem Sinne wäre lediglich das Adjektiv „amateurhaft“.

Meist wird ein „Amateur“ von einem „Profi“ dadurch abgegrenzt, dass der „Profi“ mit einer Tätigkeit Geld verdient und der „Amateur“ nicht. (Es gibt den weit bekannten Witz, dass der „Profi“ Geld mit seiner Ausrüstung verdient, der „Amateur“ hingegen Geld dafür ausgibt. Da ist was Wahres dran. 😉 )

Die eigentliche, etymologische Bedeutung des Wortes „Amateur“ ist aber eine andere. Ein „Amateur“ ist jemand, der etwas aus Liebhaberei für die Sache tut. Ein „Amateur-Fotograf“ ist demnach jemand, der einfach sehr gerne fotografiert, ohne die finanziellen Interessen eines Profis zu haben, welcher von dieser Tätigkeit leben möchte. Für Amateure, die sich etwas Geld „hinzuverdienen“ hat man dann den Begriff „semi-professionell“ geprägt, der wiederum im Laufe der Zeit auch auf die Amateure angewendet wurde, die etwas sehr gut (also auf professionellem Level) können. Genau wie es überaus gute Amateur-Fußballer gibt, gibt es auch sehr gute Amateur-Fotografen.

Ich bin also Amateur, denn ich verdiene weder etwas mit meiner Fotografie (ich gebe viel eher mein Geld dafür aus, siehe Ausrüstung) und ich beschäftige mich mit dem Thema, weil ich es sehr gerne mache – und nicht machen muss.
Das schenkt mir eine wunderbare Freiheit: ich kann selbst entscheiden, wann, wo und was ich wie fotografiere – und auch, wie viel Zeit ich mir dafür nehme.

Von daher wäre es für mich völlig unerheblich, wenn das Fotografieren auf Film wirklich extrem viel mehr Zeit in Anspruch nehmen würde als die digitale Fotografie. Und daher kann ich es auch genießen, dass mir die analoge Fotografiererei so viel Spaß macht.

Es ist ein wunderbares Gefühl, zu wissen, dass man einen Film in der Kamera hat, auf den eben nur eine begrenzte Zahl an Fotos passt und man schon vor dem ersten Foto weiß, wie es danach dann weitergeht. Denn das, was dann kommt, ist nochmal faszinierender. Den zurückgespulten Film dann selbst, sozusagen in Handarbeit, zu entwickeln und nach diesem Prozess dann die fertigen Negative zu sehen, ist immer wieder spannend.

Ich ziehe selbst keine Prints ab, sondern arbeite „hybrid“, d.h. ich scanne meine Negative ein und bearbeite sie im Computer. Zum einen kann ich das viel besser und zum anderen habe ich keine Lust, eine Dunkelkammer aufzubauen und zu pflegen. Dieser umwerfende Moment, das Bild auf dem Abzug sich langsam entwickeln zu sehen, entgeht mir also. Aber damit kann ich leben. Denn das habe ich oft genug gemacht.

Wie sich der geneigte Leser, der bis hierher durchgehalten hat, denken kann, sind die meisten Filme, die ich fotografiere S/W: AGFA APX, Kodak Tri-X oder T-MAX und hier und da einmal ein anderer. Von zehn Filmen sind acht S/W, einer ein Farbnegativfilm und einer ein Diafilm – so in etwa.

Ich spiele auch gerne mit den Entwicklungsparametern herum. Hier mal eine etwas längere Entwicklungszeit, dort mal ein anderer Kipprhythmus und dann und wann mal eine unorthodoxe Temperatur. Unter den letzten 30 Filmen hatte ich nur einen Totalausfall und auch nur, weil ich den Film falsch in die Spule gewickelt hatte. Das war wirklich „amateurhaft“. 😉

Weil ich eben eine Amateur (im besten Sinne des Wortes) bin, kann ich mir nicht nur alle Zeit der Welt nehmen, nein, ich bin auch nicht auf eine optimale Qualität angewiesen. Und dies lässt mir genau den Spielraum, der mit den zusätzlichen Spaß bringt.

Es kommt mir also in erster Linie auf den Spaß an, mit den alten, wunderschönen Kameras zu fotografieren und dann den Film zu entwickeln. (Die wenigen Farbfilme machen nicht ganz so viel Spaß, denn eine Woche auf die Entwicklung zu warten, mag ich auch nicht wirklich.) Und wenn man dann die selbstgemachten Bilder sieht, schwingt auch ein wenig Stolz mit. Das gebe ich gerne zu.

Abschließend möchte ich aber noch einen weiteren Punkt anführen: ein gut fixierter S/W-Film hält bei vernünftiger Lagerung beinahe ewig, auf jeden Fall aber länger als ich ihn nutzen kann. Und da ich viele Bilder von meinen Kindern mache, verleihen mir S/W-Negative die Sicherheit, auch einem kompletten Datenausfall ohne Backup (sowas soll’s ja geben) „relativ“ locker entgegensehen zu können. Es werden nicht alle Fotos meiner Kinder verloren sein. Das ist ein schönes Gefühl.

Und nun mein Aufruf: nehmen Sie einmal eine Filmkamera zur Hand und fotografieren Sie mal wieder auf Film. Und wenn Sie jemanden kennen, der noch S/W-Bilder selbst entwickelt, dann treffen Sie sich mit ihm und machen Sie das einmal gemeinsam. Es ist wirklich hoch spannend!

Schön wäre es auch, in den Kommentaren zu lesen, warum Sie oder warum Sie nicht auf Film fotografieren. Also los, geben Sie sich einen Ruck und nutzen Sie die Kommentarfunktion. 🙂

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* Ich fotografiere etwa geschätzte 10-15% meiner Bilder analog, mehr nicht, bin also mehrheitlich auch Digitalfotograf und zwar auch aus guten Gründen. 😉

 

12 Gedanken zu “„Mensch, warum fotografierst du eigentlich noch auf Film?“

  1. Hi, ich dachte mir, ich sage mal Hallo, ich bin nämlich durch die Blogbühne auf dich gestoßen :).
    Ich finde den Beitrag echt toll. Ich fotografiere gelegentlich auch analog – und ich LIEBE es! In letzter Zeit habe ich das viel zu selten gemacht und sehne mich ganz schrecklich danach. Vor zwei Jahren durfte ich durch ein Wahlseminar in meinem Freiwilligen Sozialen Jahr in den Genuss kommen, Film und Fotos in der Dunkelkammer selbst zu entwickeln!! Ich hab mich so darin verliebt und mir geschworen, dass ich das nicht zum letzten mal gemacht habe. Ich habe mich danach auch noch intensiv mit auseinander gesetzt und mich schlau gemacht, wie man sich am besten seine eigene Dunkelkammer baut. Irgendwann möchte ich das unbedingt machen! :))
    Analog fotografiert man einfach viel bewusster. Man überlegt genauer und nimmt sich Zeit für das Foto, das dabei herauskommen soll. So und nicht anders, sollte Fotografie sein.

  2. Hi,
    Schöner Beitrag …
    Auf die Frage, warum ich analog fotografiere….
    Weil ich einen Schnittbildsucher liebe,
    Weil es eine Zeit gab, in der technische Geräte so gebaut wurden, dass mehrere Jahrzehnte überdauern und noch genau so funktionieren wie damals
    Weil den Spiegelschlag und das Klacken des Auslösers liebe,
    Weil ich einen Schnellspannhebel unglaublich cool finde
    Und weil es einfach Spaß macht…

    Ich glaube man kann analoge Fotografie auf Film nicht erklären, denn es ist einfach ein Gefühl…
    Und das ist der entscheidende Punkt….
    Für mich!
    Vielen Dank für den schönen Beitrag
    Viele Grüße Jürgen

  3. Pingback: 100 Rollen Futter… | RetroCamera.de

  4. Hallo, dein Beitrag spricht mir aus dem Herzen und in weiten Passagen erkenne ich mich wieder. Mich fasziniert das Handwerkliche; der chemische Prozess, der das Bild Schritt für Schritt in die sichtbare Welt holt, das ist für mich immer noch Magie. Aber ich mag auch die Vorfreude, wenn der Film voll ist. Oder die praktisch endlose Auswahl an Kameras, Filmen, Fotopapieren und Entwicklern. Und ich mag ganz einfach den Look, wenn die Bilder etwas Rau sind. Das macht sie zu Unikaten und gibt ihnen Charakter.

  5. Pingback: Der Zauber des Imperfekten… | RetroCamera.de

  6. Warum noch immer auf Film?
    Weil ich es seit ca 40 Jahren mache.
    Weil mich meine Negative überleben werden.
    Weil ich mechanische Kameras bevorzuge.
    Klar hab ich auch Digiknipsen, die haben auch ihre Vorteile. Wollte schon immer ein „Digiback“ für meine Nikonobjektive.
    Aber irgendwie fehlt ihnen der Zauber, welcher z.B. von einer Nikon F / F2 / SP und deren Bedienung ausgeht.
    Beim Dachbodenaufräumen habe ich 50 Jahre alte Negative gefunden. Aus der Dose genommen, gegen das Dachbodenfenster gehalten & gesehen was drauf ist. Probier das mal mit ner Speicherkarte 🙂
    . . .
    Film, was sonst?

  7. christian gutmann

    Christian
    Hallo !
    Das gelesene spricht mir aus dem Herzen. Ich fotografire schon sehr lange ausschließlich auf
    Diafilm. In den letzen Jahren Hybrid. Interessant sind SW-Fime Scala entwickelt. Wenn man eine gute analoge Kamera mit guten Objektiven hat, wirft man sie nicht einfach weg. Es ist ja auch eine Geldfrage. Ich habe mich für analog entschieden. Ein guter Diafilm die richtige Kamera und das passende Licht= tolle Dias mit vielen Leistungsreserven. Ich wünsche mir noch lange Diafilme.
    Tschüß

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