„Ein Druck muss immer mit 300 dpi erfolgen.“ (Zitat)

Auch dies ist eine Aussage, die man sehr oft lesen kann. Es wird häufig als Faustregel angewendet, wenn es darum geht, bis zu welcher Größe man mit einer gewissen Megapixelzahl printen kann. Wenn man diese 300 dpi (also eine Auflösung von 300 Punkten pro Inch) zu Grunde legt, würde das bedeuten, dass man mit einer 6 Megapixel-Kamera nicht einmal in DIN A4-Größe drucken dürfte, da 3000×2000 Pixel bei 300 dpi nur eine Printgröße von 25,4 x 16,9 cm ergeben. Um auf DIN A4 ausgeben zu können, müsste bei geforderten 300 dpi der Sensor in etwa 9 Megapixel haben.

OK, inzwischen gibt es kaum noch Systemkameras, die weniger als 10 MPix bieten, doch was ist, wenn wir Drucke in 60×90 cm anfertigen möchten? Für einen derart großen Druck braucht man bei 300 dpi eine Auflösung von gut 7000×10600 Pixel, also gut 72 Megapixel (und damit eine doppelt so hohe Auflösung wie die der Nikon D810 oder der Sony A7R). Das würde ja bedeuten, dass man nur mit hochauflösenden Mittelformat-Sensoren für solche Drucke fotografieren kann.

Nein! Und da genau zeigt sich die Einschränkung der 300 dpi-Regel.

Die 300 dpi können Sinn machen, wenn man kleinere Prints betrachtet und dafür bieten die meisten modernen Digitalkameras definitiv genug Auflösung. Denkt man aber über größere Drucke nach, kommt der Betrachtungsabstand ins Spiel: man schaut sich ein 60×90 cm großes Bild nicht aus 30cm Entfernung an. Bei normalen Betrachtungsabstand ist dann aber unser Auge nicht mehr hochauflösend genug, um 300 dpi von 200 dpi oder sogar von 100 dpi unterscheiden zu können. Das lässt sich sogar mathematisch darstellen.

(Achtung! Jetzt kann es etwas komplizierter werden. Vielleicht muss man manche Zeile mehrfach lesen, um folgen zu können. Ich musste sie auch mehrfach schreiben. ;))

Gehen wir einmal von folgendem Grundsatz aus: „Das menschliche Auge ist in der Lage, zwei Punkte als getrennt voneinander zu erkennen, wenn ihr Abstand größer als ca. eine Bogenminute ist.“ ( Vgl. http://www.astro-okulare.de/beurteilung.htm) (Manche Angaben sprechen sogar von 2 Bogenminuten.)

1 Bogenminute entspricht einem Winkel von 1/60°. Da wir von einem Winkel ausgehen, ändert sich der Abstand zweier Punkte, der auseinander gehalten werden kann, mit der Betrachtungsentfernung. Ein Winkel bezeichnet sozusagen ja zwei nicht parallele Linien, die immer weiter auseinander driften, je weiter man sich von deren Schnittpunkt entfernt.

Eine Bogenminute würde in etwa einem Winkel entsprechen, den Ein-Cent-Stück aus ca. 70 m Entfernung ergeben würde. (vgl. http://www.science-at-home.de) Ein 1-Ct-Stück, aus 70m!! Haben Sie das Bild vor Augen? Nein? Gehen Sie mit einem Freund auf einen Amateur-Fußballplatz, geben Sie ihm eine 1-Ct-Münze und schicken Sie ihn zum gegenüberliegenden Elfmeterpunkt. Sie stellen sich auf Ihrer Seite auf den Elfmeterpunkt. Stellen Sie sich nun vor, wie groß Sie das 1-Ct-Stück sehen könnten. Und?

Bei 300 dpi befinden sich 300 Punkte auf einer Breite von 2.54 cm, d.h., dass pro cm knapp 120 Punkte gedruckt sind. Zwei Punkte sind also 0.008 cm voneinander entfernt. Wikipedia spricht davon – und das ähnelt dem Fußballfeldbeispiel – dass ein Mensch „3 cm auf 100 m“ erkennen kann. 
Herangerechnet bedeutet das: man kann zwei Punkte mit 300 dpi gedruckt maximal bei etwa 25 cm Betrachtungsabstand unterscheiden. Da man aber nicht 25 cm vor einem Bild steht, dass knapp einen Meter breit ist, werden hier eben keine 300 dpi benötigt!

Ein idealer Betrachtungsabstand wird (je nach Definition) zwischen dem 2- bis 2,5fachen der Bildhöhe und dem 3fachen der Bilddiagonale gesetzt. Bei einem 1m breiten Bild ist die Bildhöhe im Format 3:2 etwa 66cm, die Diagonale liegt bei 120cm. Der optimale Betrachtungsabstand liegt also irgendwo zwischen 120cm und 360cm. Das wiederum bedeutet, dass eine Druckauflösung von etwa 70 dpi in diesem Fall ausreichen würde!

Mit einem „alten“ 6 MPix-Sensor wäre ein 1 Meter breites Bild daher absolut möglich, ohne dass man „Pixel“ erkennen würde. (Es sei denn, man verlässt doch den optimalen Betrachtungsabstand und geht auf 20 cm heran. Dann kann man aber nicht mehr das ganze Bild wahrnehmen. Deshalb und weil das ziemlich komisch aussehen würde, macht das im Normalfall niemand.)

Es lässt sich ergänzen, dass nicht alleine die Anzahl der Pixel ausschlaggebend ist, sondern vor allem deren „Qualität“. Doch dies ist wieder ein anderes Thema.

Eine 24 Megapixel-Kamera (wie z.B. die Sony A7) könnte mit diesem Druckraster ein Bild in der Größe von 220x150cm füllen – ja sogar noch mehr, da sich ja erneut der Betrachtungsabstand erhöhen würde.

Und eine 16 Megapixel-Kamera (wo sich irgendwie meine Lieblings-Kamera befinden) bedient ganz selbstbewusst einen Druck in DIN A3-Größe. Also mir reicht das. Und Ihnen?

 

 

2 Gedanken zu “„Ein Druck muss immer mit 300 dpi erfolgen.“ (Zitat)

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