Sehen und Wahrnehmen

Vor einiger Zeit las ich über einen Fotografen, der mit seiner alten analogen SLR unterwegs war und fotografierte – allerdings ohne Film! Er lief einfach durch die Gegend, in der Stadt herum und schaute hin und wieder durch den Sucher, drückte auf den Auslöser wohl wissend, dass er kein Foto machte, zumindest kein reales. Seine Fotos entstünden im Kopf, sagte er im Interview, und dort blieben sie dann auch.

Das finde ich hochspannend. Manchmal habe ich nämlich auch den Eindruck, dass es mir gar nicht so sehr auf das Bild ankommt, sondern auf den eigentlichen Vorgang des Fotografierens. „Prozessuale Fotografie„* nenne ich das. Sicher, wenn ich meine Kinder fotografiere, dann auch immer mit dem Gedanken, Erinnerungen auf Fotos festzuhalten, die ich nach einiger Zeit wieder anschauen kann. Das allseits bekannte „Weißt du noch?“ erfährt dadurch visuelle Unterstützung. Das ist wohl einer der Hauptgründe für Fotografie. Wenn man dem nun das Aufzeichnungs-Medium nimmt und es zu keinem Aufzeichnungsprozess mehr kommt, verliert dann die Fotografie nicht ihren eigentlichen Sinn?

Ich denke nur dann, wenn man in der Tat dem Moment festhalten möchte. Was nicht entfällt, auch dann nicht, wenn weder Speicherkarte noch Film in der Kamera steckt, ist der Prozess des Sehens, des besonderen Wahrnehmens, der durch die intensive Auseinandersetzung mit Fotografie geschult wird und der mir so viel Freude, ja sogar Energie verleiht. Seitdem ich fotografiere laufe ich viel bewusster durch die Umgebung – sogar dann, wenn ich gar keine Kamera dabei habe. Ich sehe Lichtfarben, die ich zuvor nicht wahrgenommen habe. Ich entdecke plötzlich Details, an denen ich vorher einfach vorbeigegangen wäre. Ich fokussiere meine Aufmerksamkeit auf die Dinge, die mich umgeben. Das finde ich äußerst angenehm.

Wie gesagt, es gibt Situationen, in denen es überaus wichtig ist, am Ende ein Foto zu haben. Doch ob ich nun zum zehnten Mal eine Landschaft in schönem Licht fotografiere oder das zwanzigste Wolkenbild, das ist nicht wirklich wichtig. Der Moment, in dem ich genau das gesehen habe, allerdings war wichtig.

Keine Angst, ich werde sicherlich nicht in Zukunft öfters ohne Karte oder Film unterwegs sein. Soweit treibe ich es dann doch nicht. Aber hier und da, die Kamera mal vom Auge zu lassen und mich an der reinen, momentanen Wahrnehmung zu erfreuen, das ist etwas, das ich zunehmend mache. Versuchen Sie das doch auch einmal…

 

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* Der Begriff „prozessuale Fotografie“ wurde bereits für die Fotografie von Ute Döring benutzt, dort aber in anderer Bedeutung.

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