Die „Weitwinkel“

Mitte Januar habe ich hier im Blog meine Senf über die „Normalbrennweite“ zum Besten gegeben. Heute sind nun die „Weitwinkel“ dran.

Objektive mit „weitem Winkel“ sind zunächst einfach einmal Objektive mit einer kürzeren Brennweite als die „Normalobjektive“. Was dort gilt, gilt auch hier: die Brennweite alleine besagt noch nicht, ob es ein Weitwinkel-Objektiv ist oder nicht. An meiner Nikon1 V1 liebe ich das 1.8/18.5, das mit einer Brennweite von 18.5mm (was auf Kleinbild ein sehr starkes Weitwinkel wäre) ein „Normalobjektiv“ am Nikon1-System ist. Das bedeutet also erneut, dass nur beide Angaben, Brennweite und Sensor- oder Filmnegativgröße, eindeutig bestimmen können, ob es ein „Weitwinkel“ ist oder nicht. Soweit so gut.

Gehen wir zunächst einmal vom „Kleinbild“ aus, also einer Negativ- oder Sensorgröße von etwa 36x24mm, dem Format, für das ein 50mm-Objektiv ein „Normalobjektiv“ ist. Oft wird verkürzt behauptet, dass alles, was weniger als 50mm an Brennweite hat, ein Weitwinkel sei. Das stimmt nicht. Denn ein 45er, selbst ein 40er würde ich nicht als „weitwinklig“ bezeichnen, alleine schon deshalb nicht, weil die exaktere Negativdiagonale bei 43mm liegt (siehe auch hier).

Mit der Faustregel, dass auf Kleinbild Objektive zwischen 40 und 60mm irgendwo „Normalobjektive“ sind, lässt sich hingegen sehr gut arbeiten. Alles, was also eine kürzer Brennweite als 40mm hat, kann man auf Kleinbild zu den Weitwinkel-Objektiven zählen. Die typischen Vertreter sind das 35mm- und das 28mm-Objektiv mit Bildwinkeln von ca. 63° bzw. 75°. Diese Gradzahlen funktionieren auch auf allen anderen Formaten, daher sind an einem µ4/3-Sensor ein 17er oder ein 14er entsprechende Weitwinkel, weil sie eben auch ca. 64° bzw 75° darstellen können. Ein 17mm-Objektiv, das den Bildkreis eines Kleinbild-Sensors ausleuchtet, ist am Kleinbild schon kein „normales“ Weitwinkel mehr. Wird dieses Objektiv aber wiederum an eine µ4/3-Kamera gesetzt, wirkt es wieder wie ein 35mm am Kleinbild, da der Sensor nur etwa einen Winkel von 64° aufzeichnen kann. Das Bild, das außerhalb des Sensors projiziert wird, verpufft sozusagen.

Was ist dann aber nun ein 17mm-Kleinbild-Objektiv? Nun, da gibt es unterschiedliche Einstfungen. Klassischerweise wurde Brennweiten (am Kleinbild) unter 28mm, also typischerweise 24mm, 21mm, 18mm usw. als „Superweitwinkel“ bezeichnet. Da im Laufe der Zeit aber nach „unten“ immer weiter designed wurde, also immer kürzere Brennweiten auf den Markt kamen, vollzog sich eine Art Verschiebung der Definition. Ein 24mm würde heute kaum mehr jemand als „Superweitwinkel“ bezeichnet, wo doch schon Zoom-Objektive dort beginnen (z.B. das Nikkor 2.8/24-70 oder das Canon EF 3.5-4.5/24-85).

Für das Kleinbild, auf das wir aus Gewohnheitsgründen immer gerne umrechnen, weil wir mit der Angabe der Bildwinkel – die eigentlich viel sinniger wäre – kaum etwas anfangen können, könnte eine Einteilung in etwa so aussehen:

40-60mm: Normalbrennweite

28-35mm: gemäßigte Weitwinkelobjektive

24/25mm: starke Weitwinkelobjektive

18-21mm: Superweitwinkelobjektive

unter 18mm: Ultraweitweinkelobjektive

Man findet überlichweise im „Ultra-Bereich“ 17mm, 14mm und sogar 12mm-Objektive für Kleinbild.

Die Einordnung für andere Formate geschiet recht leicht, durch den sogenannten „Crop-Faktor“. Wenn also eine APS-Kamera einen „Crop-Faktor“ von 1.5x hat, dann bedeutet das, dass aus einem Kleinbild soviel „herausgeschnitten“ wird, wie ein Objektiv mit der 1.5fachen Brennweite auf Kleinbild abbilden würde. Die echte Brennweite ändert sich dabei natürlich nicht, nur der genutzte Bildwinkel. Keine Angst, das klingt komplizierter als es ist. Hier eine kleine Grafik:

sensorbildkreis

Ein Kleinbildobjektiv zeichnet einen Bildkreis (rot), der größer ist als ein Kleinbildnegativ, damit es nicht zu dunklen Ecken kommt.
Ein Kleinbildsensor (=“Vollformat“, blau) wird also komplett vom Bildkreis des Objektives abgedeckt, der gesamte Bildwinkel wird genutzt.
Ein APS-Sensor (grün) nutzt nur den inneren Bereich des Bildkreises eines Kleinbildobjektivs, wodurch die Bereiche links und rechts davon gewissermaßen abgeschnitten (=gecroppt) werden. Dadurch wird nur ein Teil des eigentlich verfügbaren Bildwinkels aufgezeichnet.
Ein APS-Objektiv (gelb) erzeugt einen kleineren Bildkreis (weshalb es auch kleiner und leichter konstruiert werden kann) und deckt nur einen APS-Sensor ab. Würde es an einem Kleinbildsensor genutzt, bekäme man schwarze Ecken.

Exakt die gleiche Umrechnung, nur eben mit anderen „Crop-Faktoren“, gilt für kleinere und größere Sensorformate. Wenn man zum Beispiel ein 80mm-Mittelformat-Objektiv (das ja dort ein Normalobjektiv ist) am Kleinbild nutzt, wirkt es eben wie ein 80mm-Kleinbild-Objektiv, also wie ein kurzes Tele, weil der Kleinbildsensor (ähnlich wie oben der APS-Sensor) nur den inneren Teil des noch größeren Bildkreises des Mittelformat-Objektives nutzen kann.

Puh, das war aber jetzt eine Menge! Also nochmal:
„Weitwinklig“ ist ein Objektiv, wenn es einen Bildwinkel von etwa 60° oder mehr auf einem Aufzeichnungsmedium darstellen kann. Das sind auf Kleinbild Objektive mit einer Brennweite von unter 40mm. Brennweiten von unter 28mm bezeichnet man als „super-“ und Brennweiten unter 18mm als „ultraweiteinklig“*.

Wozu nutzt man Weitwinkel?

Viele antworten auf diese Frage: „Um mehr auf’s Bild zu kriegen.“ Das ist zwar auch richtig, führt aber aus kompositorischer Sicht oft zu Problemen, denn ganz schnell ist – gerade bei superweitwinkligen Objektiven – viel zu viel auf dem Bild. Wer mit einem großen Bildwinkel fotografiert, der sollte sich noch mehr Gedanken um die Komposition seines Bildes machen als mit einem gemäßigten Bildwinkel. So sollte man bedenken, dass Dinge in zunehmender Entfernung sehr, sehr klein dargestellt werden. Außerdem ist es überaus empfehlenswert, ein bildwirksames Element im Vordergrund zu platzieren. Erst dadurch wird die faszinierende Wirkung eines Weitwinkelbildes so richtig deutlich.
Viel interessanter als das WW-Objektiv wegen seines weiten Winkels zu nutzen, ist es aber ohnehin es für die besondere Perspektive zu nutzen, die es bietet. Ein Wolkenhimmel mit einem Ultraweitwinkel-Objektiv aufgenommen bietet eine Bildwirkung, die mit keinem anderen Objektiv vergleichbar ist.
Weitwinkel ermöglichen es außerdem, nahe am Geschehen zu sein. Was für Kriegsfotografen äußerst gefährlich ist, kann für eine Reportage völlig neue Perspektiven eröffnen. Bei Personen im Bild ist aber stets darauf zu achten, dass starke WW-Objektive schnell verzerrend wirken, vor allem wenn man in der Bildmitte zu nahe am Gesicht ist oder wenn man Personen am Bildrand abbildet.

Weitwinkel-Fotografie, vor allem mit sehr großen Winkeln, ist keineswegs leicht, aber ein faszinierender Bereich, für den es sich zu üben lohnt.

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* Ich habe vor knapp 20 Jahren mal in einer linguistischen Hausarbeit an der Uni empirisch nachgewiesen, dass in bestmmten Sprachbereichen „ultra“, „hyper“ und „mega“ als eine Art Steigerungsform von „super“ verwendet werden. Das war spaßig. Die Bezeichnungen „superweiteinklig“ und „ultraweiteinklig“ folgen diesem Schema.

2 Gedanken zu “Die „Weitwinkel“

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