Schärfentiefe oder Tiefenschärfe? Oder Schiefentärfe?

Oh weh! Jetzt wagt der sich an dieses heikle Thema?“ mag der eine oder andere geneigte Leser nun denken.
Ja, ich wage es. Denn ich habe ja beruflich mit Sprache zu tun und daher ist es mir schon wichtig, dass ein gewisses Niveau gehalten wird. Sicher, ein flapsig-jovialer Stil kann auch sehr erfrischend sein und meine Texte erinnern meist auch eher an Helge Schneider als an Thomas Mann, doch ich bemühe mich auch in sarkastischen oder humorvollen Passagen um eine deutliche und weitgehend präzise Sprache. Hui, das klingt jetzt ziemlich arrogant. Soll es nicht sein. Was ich damit meine ist, dass Sie hier im Blog niemals „einzigster“ oder ähnliche sprachlichen Faxen lesen werden. Ebenso werde ich einen großen Fortschritt nicht als „Quantensprung“ bezeichnen. Das verspreche ich hiermit feierlich. 😉

Ich freue mich daher sehr, wenn auch andere Schreiberlinge auf ihre Sprache achten – sowohl in Blogs als auch in Foren, die häufig an linguistische Abfallgruben erinnern. (War das jetzt zu böse?) Und nein, ich bin auch kein „Sprach-Nazi“ (wobei ich dieses Wort für überaus impertinent und unpassend finde), nur weil ich mich an schöner Sprache erfreue.

Eines der Themen, die immer wieder zu ausgedehnten Diskussionen in Foren führen, ist die korrekte Verwendung der Begriffe „Schärfentiefe“ bzw. „Tiefenschärfe“.

Was das ist, sollte eigentlich jedem Fotografen klar sein. Ich werde es auch an dieser Stelle nicht erklären, sondern verweise gerne auf den Eintrag in Wikipedia.

Es stellt sich in den endlosen Diskussionen die Frage, welcher der beiden Termini – „Schärfentiefe“ oder „Tiefenschärfe“ – denn richtig sei. Dabei ist die Antwort wirklich sehr einfach: Es kommt darauf an, was man unter „richtig“ versteht.

Wenn man für sprachlich „richtig“ erachtet, was ein großer Teil der muttersprachlichen Bevölkerung – hier in engerer Definition der deutschsprachigen Fotografen – regelmäßig anwendet und dabei erfolgreich kommuniziert, muss man beide Begriffe als korrekt gelten lassen. Punkt.

Wenn man aber Sprache präzise betrachtet und dann daran festmacht, ob etwas korrekt ist oder nicht, darf man nur den Begriff „Schärfentiefe“ als richtig akzeptieren. Auch Punkt.

Herleitung und Erläuterung:

Diese beiden Begriffe, „Schärfentiefe“ und „Tiefenschärfe“, sind sogenannte Determinativkomposita, die aus einem Bestimmungswort (das vordere Teilwort) und eine Grundwort (das hintere Teilwort) bestehen. Das Grundwort beschreibt dabei stets die „Gattung“ des Begriffes, während das Bestimmungswort den Begriff näher definiert und differenziert.
Ein Beispiel:

Eine „Stielpfanne“ ist eine Pfanne (= Grundwort) mit einem Stiel (= Bestimmungswort) – und keine mit einem Henkel, denn das wäre eine „Henkelpfanne“ (was aber immer noch eine Pfanne wäre).

Im Gegensatz dazu ist ein „Pfannenstiel“ ein Stiel (= Grundwort), der an einer Pfanne (= Bestimmungswort) befestigt ist – und nicht an z.B. einem Besen, denn das wäre ein Besenstiel (aber immer noch ein Stiel).

Das klingt doch wirklich logisch. Und wir sollten dankbar sein, dass die deutsche Sprache hier in der Tat logisch ist.

Wenn wir nun diese Logik auf die hier diskutierten Begriffe übertragen, dann folgt daraus:

Die „Schärfentiefe“ ist eine Tiefe im Bild, also ein Bereich von einer gewissen Entfernung des Betrachters bis zu einer weiter von ihm weg reichenden Distanz, die scharf abgebildet wird. Und genau dies ist damit gemeint, wenn jemand von einer „knappen Schärfentiefe“ spricht. Er meint damit, dass nur eine sehr dünne Ebene in einem engen Entfernungsbereich vom Betrachter als scharf gesehen wird.

Eine „Tiefenschärfe“ würde auf eine Schärfe hinweisen, die in der „Tiefe“ zu erkennen ist. Also im Grunde auf einem Bild zu sehen ist, auf dem der Wald im Hintergrund scharf, das Auto im Vordergrund aber verschwommen ist. Solch ein Bild hätte eine „Tiefenschärfe“ (wobei man gleichzeitig bestimmen könnte, welche „Schärfentiefe“ es hat, wenn man schaut, wo der scharf abgebildete Bereich hinter dem Auto beginnt).

Der sprachlich präzise Begriff ist demnach „Schärfentiefe“. QED.

Gelegentlich wird in den Foren-Diskussionen darauf verwiesen, dass in Schulungsvideos oder -büchern der Begriff „Tiefenschärfe“ verwendet würde und daher richtig sein müsse. Nun, nicht alles, was irgendwo in gedruckten Lettern steht, ist automatisch richtig, vor allem nicht, wenn das Veröffentlichungsmedium das Internet ist. 😉

Aber weiter oben habe ich ja bereits eine andere Lesart des Begriffes „richtig“ vorgestellt.

Weiterhin gibt es die immer wieder genannte Referenz Ansel Adams, der ja als Großmeister der Fotografie sicherlich weiß, wovon er redet.
Natürlich, das will ich auch keineswegs abstreiten, doch wenn in einigen seiner Texte von „Tiefenschärfe“ [sic!] die Rede ist, so hat das nicht Adams geschrieben, sondern der Übersetzer ins Deutsche. Und wie weit dieser Mensch sich mit der Fotografie auskannte, kann an dieser Stelle wohl kaum hinreichend genau geklärt werden.

Wie gehen wir nun damit um? Ich würde vorschlagen, wir akzeptieren die Benutzung von „Tiefenschärfe“ bei anderen, gewöhnen uns aber die Verwendung von „Schärfentiefe“ an. Und falls jemand danach fragt, verlinken wir auf diesen Blog-Artikel.

Wieder zu arrogant? In England sagt man „take it with a pinch of salt„. 😉

 

P.S.: Wer einnmal ein wenig mit der rechnerischen Schärfentiefe spielen möchte, der kann das hier sehr schön tun:

5 Gedanken zu “Schärfentiefe oder Tiefenschärfe? Oder Schiefentärfe?

  1. Pingback: Schärfentiefe … oder ???? Einmal gut erklärt …. Danke | "Fotografie, Zahnmedizin und Verschiedenes"

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