„Altglas“, „Adapteritis“ oder so…

Immer wieder liest man im Internet von Hobby-Fotografen, die kürzlich für sich entdeckt haben, dass man alte, manuell zu fokussierende Objektive (meist „Linsen“ genannt) an modernen Digitalkameras betreiben kann. Ach was!?!

Wir „Altglasfreaks“ oder „Altglasfans“ oder andere aus dem „Altglascontainer“ (den deutschen Altglascontainer findet man hier) wissen dies schon seit mehreren Jahren (ich mache das seit 2004) und müssen dann immer ein wenig nachgiebig lächeln und dabei aufpassen, nicht überheblich oder arrogant zu wirken. Aber bitte, versucht das einmal nachzuvollziehen. Das ist in etwa so als sagte man einem langjährigen Fußballer, dass man den Ball auch mit dem Außenrist spielen kann. Der reagiert dann ganz ähnlich. So ist es für uns auch, wenn wir in Foto-Magazinen von diesen „neuen“ Erkenntnissen lesen.

Wie auch immer. Es macht auf jeden Fall einen Heidenspaß, sich eine Reihe von Adaptern zuzulegen und ältere Objektive an neuen Kameras auszuprobieren. „Warum tust du dir das nur an?„, werde ich hin und wieder gefragt. „Es gibt doch genügend moderne Objektive und die haben wenigsten Autofokus.“ Ja, das ist schon richtig. Doch wer seine Frage mit dem Verweis auf den Autofokus begründet, der hat das Eigentliche daran nicht verstanden.
Es ist völlig richtig: moderne Objektive haben in der Regel die fortschrittlicheren und daher meist auch besseren Rechnungen. Klar, die Objektivdesigner haben ja auch im Laufe der Zeit dazugelernt und die Computer werden immer leistungsfähiger. Was heute in Minuten berechnet wird, dazu brauchte man vor einigen Jahrzehnten noch Monate. Vor allem gilt dies für Zoom-Objektive. Die ersten „Gummilinsen“ (nicht lachen, die wurde damals tatsächlich so genannt) waren – mit Verlaub – grauslich. Dies ist übrigens einer der Gründe, warum Leica sich lange gegen die Zoom-Idee gewehrt hat. Doch auch die Festbrennweiten sind in der modernen Version oft besser – oder vielleicht sollte ich sagen „schärfer“ und „kontrastreicher“. Wer das nämlich unter „besser“ versteht, der wird von „Altglas“ meist enttäuscht werden. Die gesteigerte Schärfe aber wird hier und da durch andere Charakteristika erkauft. Es ist durchaus möglich, dass das „Bokeh“ (ein weiteres Schlagwort in den berühmt-berüchtigten Foren) von modernen AF-Objektiven nicht mehr so weich und cremig dargestellt wird. Allerdings lässt sich dies nicht verallgemeinern.

Warum sollte man sich „Altglas“ nun denn antun? Wenigstens einmal? Ich möchte versuchen, dies hier konzise zu erläutern. Es gibt unzählige Gründe mehr, doch die hier genannten, sind für mich die bedeutendsten.

1. Die Haptik

Ältere Objektive von hoher Qualität – und ich spreche hier jetzt von richtig gut gefertigten Objektiven, nicht von Billiglinsen, die es auch schon in den 70ern gab – haben eine Metallfassung und sind äußerst präzise gearbeitet. Dies zeigt sich nicht nur durch die hohe Passgenauigkeit der inneren Linsen (und hier stimmt diese Bezeichnung sogar), sondern auch durch ein wunderbares „Anfassgefühl“. Der Fokusring dreht sich seidenweich (ich mag das Wort „samtig“ hier sehr) und der Blendenring (ja, sowas hatten Objektive damals noch!) klickt leichtgängig aber satt in die Rasterung.

2. Die Abbildungsqualität

Wie jetzt? Eben hieß es doch noch, die neuen Objektiv seien überlegen? Nun ja, das sind sie in der Tat, wenn man sie mit der Großzahl der alten „Linsen“ vergleicht. Nimmt aber zum Beispiel ein Leica Summicron-R 2/50, muss man schon lange unter den Neuen suchen, bis man ein gleichwertiges Objektiv gefunden hat.

3. Der Preis

OK, hier kommen wir ein wenig in ein Dilemma. Die besten „Altgläser“ sind kaum mehr für Schnäppchenpreise zu finden. Da muss man auch schon etwas tiefer in die Tasche greifen. Und die Billigheimer? Nun, von denen sollte man lieber die Finger lassen. Allerdings kann man durch den Verzicht auf einen Autofokus noch immer Geld sparen. Ein Olympus OM Zuiko 1.4/50 ist mit Sicherheit noch immer günstiger als ein Canon EF 1.4/50.

4. Der Charakter

Spätestens hier machen sich Altglasfans in ihrer Argumentation angreifbar. Denn der „Charakter“ eines Objektivs (manche sprechen sogar von der „Persönlichkeit“)  ist kaum mehr mit objektiven (Vorsicht, Wortspiel!) Maßstäben zu messen. Es ist eine überaus subjektive Sache, ob einem die Abbildungsart im Unschärfebereich oder die Art, wie unscharfe Lichter im Hintergrund dargestellt werden, gefallen oder nicht. Und ja, darin unterscheiden sich Objektive!
Leider allerdings sind einige der „Linsen“, die den Ruf haben, einen ganz besonderen Charakter zu zeigen, schon wieder sehr teuer, manchmal sogar hoffnungslos überteuert. Das beste Beispiel dafür ist das Meyer Trioplan 2.8/100, ein recht einfach konstruierter Dreilinser, dem geradezu „magische Eigenschaften“ zugeschrieben werden und für den einige Menschen unfassbare €250,- und mehr bezahlen! Mehr als €50,- würde ich nicht dafür ausgeben. Und bitte macht das auch nicht!

Die vier genannten Bereiche führen leider auf eine Schlussfolgerung hin: Mit billigem Altglas wird man nicht lange Spaß haben (von einigen, wenigen Ausnahmen einmal abgesehen).

Hier mal drei Beispiele:

* Leica Summicron-R 2/50 (in der neueren Version)

Ein exzellentes Objektiv mit ausgezeichneter Abbildungsleistung und toller Verarbeitung. Leider recht teuer.

Zu neu? Nicht wirklich „Altglas“? OK…

* Nikkor-H 1.8/85

Noch aus der „Vor-AI-Ära“ und dennoch eines der faszinierendsten 85er, die heute zu finden sind. Aber auch nicht wirklich ein Schnäppchen.

* Revuenon 2.8/35

Das Objektiv ist nun wirklich mal billig. Man kann es durchaus für unter €20,- bekommen. Allerdings sollte man sich dieses Geld sparen, denn dieses Objektiv ist – sorry! – auch diesen 20er nicht wert. (Vorsicht vor unseriösen Händlern, die auf den Zug aufgesprungen, versuchen, Billiglinsen für teuer Geld anzubieten!)

Man sieht, die „perfekte“ Kombination aus „sehr guter Bildqualität“, „klasse Verarbeitung“, „hoher Lichtstärke“ und „günstigem Preis“ ist einfach nicht (oder nur mit sehr, sehr viel Glück) zu bekommen.

Wenn man sich aber im Vergleich die ausgezeichneten modernen Nicht-AF-Objektive von Zeiss anschaut…

Zeiss Planar 1.4/85 – ein absoluter Traum!

… dann wird einem klar, warum auch sehr gutes „Altglas“ einfach seinen Preis hat.

Leider haben in den letzten Jahren – vor allem bedingt durch die massive Verbreitung von spiegellosen Systemkameras, die fantastisch für die Adapatiererei geeignet sind – die Preise nochmal stark angezogen. Inzwischen ist es deutlich teurer, in diese Nische des Hobbys einzusteigen. Nie und nimmer könnte ich heute noch über 200 verschiedene Objektive ausprobieren. Meine Frau würde mir vermutlich den Kontozugang sperren lassen. 😉

Die Sony NEXen, Olympus und Panasonic µ4/3s oder die Fuji Xen haben auch dafür gesorgt, dass sogar alte Minolta-, Konica- und Canon FD-Objektive, die man zuvor nicht wirklich an DSLRs adaptieren konnte, um mehrere hundert Prozent teuer wurden. Heute noch groß anzufangen ist ein wenig so, als wäre man im Jahr 2000 groß in Aktien eingestiegen. 😉

Mein abschließende Bitte: wer jetzt noch einsteigen will, der kaufe sich lieber weniger, dafür aber gute manuelle Objektive. Denn sonst heißt es noch, wir „Altglasfreaks“ spönnen ja und hätten keine Ahnung. Denn zu solch einem Urteil kommt man leicht, wenn man seine Kamera mit „Billgscherben“ (verächtlicher Ausdruck für billige und schlechte Objektive) bestückt.

Welche Objektive ich für das beste Preis-Leistungs-Verhältnis empfehlen kann? Sorry, solch eine Liste gibt es nur für Freunde, sonst werden diese Objektive ja NOCH teurer. 😉

7 Gedanken zu “„Altglas“, „Adapteritis“ oder so…

  1. Pingback: “Altglas” an der Sony NEX-6 | RetroCamera.de

  2. Sven Gebhard

    Schade eigentlich. Es ist wirklich sehr schwer in dem ganzen alten Objektivwwulst durch zu blicken. Mich hätte sehr interessiert welche Linsen du schon an den Fuji adaptiert hast. ich habe eine Fuji X-T1 und habe bisher nur Nikon Linsen adaptiert. Ich würde gerne noch andere Objektive testen, aber mir fehlt da etwas der Durchblick 😦 iIch würde gerne meine ganz alten Zeiss Ikon Voigtländer Super Dynarex Schätzchen an der Fuji testen, aber für die alten Objektive find ich leider keinen passenden Adapter. BM auf Fuji X? Sehr Schade!

    Gruß Sven

  3. Pingback: Wegweiser durch den Altglas-Dschungel (Teil 1 – DSLR) | RetroCamera.de

  4. Champollion

    Etwas wird bei der Adaptiererei leider übersehen.
    Vor dem Sensor sind einige Glasscheiben, insgesamt bis zu 4mm dick (MFT), Diese spielen bei der Berechnung der Objektive eine Rolle. Aber Altglas konnte es natürlich nicht berücksichtigen, was nicht selten zu gravierenden Abbildungsfehlern führt, nicht nur aber insbesondere in den Ecken. Das ist vor allem bei lichtstarken Objektiven zu sehen.
    Leider gibt es so gut wie keine hochwertige Vergleichstests, es sei denn, man macht sie selber. Und dann kommt die Ernüchterung! Ein früher hochgelobtes 1,4er, oder ein teures apochromatisch korrigiertes Tele entpuppt sich, im Vergleich sogar zu einem gar nicht so teuren Zoom (!) als flaue Scherbe!
    Auch werden die modernen Objektive bzw. ihre Bilder intern „geschönt“, viele Fehler automatisch korrigiert, was bei Altglas nicht möglich ist, ja nicht mal immer hinterher mit LR oder Photoshop.
    Am besten fand ich Objektive im Bereich 75 bis 135mm und Lichtstärke von 4,0.
    Marc Champollion, champollion@gmx.de

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